PRODOC: FORSCHUNGSMODUL
«Kinoöffentlichkeit – historische Filmrezeption zwischen Modellvorstellung, Angebot und sozialer Erfahrung»
Hauptgesuchsstellerin
Prof. Dr. Margrit Tröhler, Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich
Das Projekt erforscht die historische Filmrezeption zwischen Reglementierung (z.B. Zensur), Institution Kino (z.B. Programmangebot), individueller Kinoerfahrung und öffentlicher Debatte. Dieses soziokulturelle Feld von Diskursen und Praktiken wird als «Kinoöffentlichkeit» beschrieben.
Resumé
Die historische Rezeption von Film und Kino ist nicht unmittelbar zugänglich, sondern muss in einem kulturellen Feld rekonstruiert werden. Als technische und mediale Innovation des ausgehenden 19. Jahrhunderts etabliert das Kino eine neue Qualität eines öffentlichen Raums: ein Ort der Faszination sowie der Verständigung über geltende soziale Werte und Rituale. Als alternative öffentliche Sphäre wirkt dieser auf die Umstrukturierung von weiten Teilen der Gesellschaft ein. Das Forschungsmodul «Kinoöffentlichkeit» sucht diese Entwicklung in spezifischen historischen Rezeptionssituationen zu erfassen. Zwei Teilprojekte beziehen sich auf den schweizerischen Kontext: «Kinobesuch im Zeichen sozialer und politischer Auseinandersetzung hinsichtlich und mittels des Films in der Schweiz zur Zeit des ersten Weltkriegs» und «Filmzensur im Kanton Zürich von 1945 bis 1989»; ein drittes Projekt untersucht «Transnationale Low-Budget Filme und Grenzpraktiken» in der Region zwischen den USA und Mexiko seit den 1970er Jahren.
Ziele
Durch das Konzept «Kinoöffentlichkeit» lässt sich das Kino als sozialer und kultureller Ort verstehen, an dem Konflikte verhandelt werden; Diskurse, Praktiken sowie die Filme selbst sind Kräfte, die sich in der medialen Öffentlichkeit wechselseitig beeinflussen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Geschichte des Kinos in der Schweiz, die durch politische Neutralität, föderalistische Strukturen, kulturelle Vielfalt und eine internationale Kinokultur ein Forschungsgegenstand von internationalem Interesse darstellt.
Bedeutung
Als Teil des ProDoc «Cinéma et dispositifs audiovisuels: discours et pratiques» (Hauptgesuchstellerin: Prof. Maria Tortajada) will das Forschungsmodul «Kinoöffentlichkeit» zur Erneuerung der Filmgeschichtsschreibung und Filmtheoriebildung beitragen: Funktionen und Bedingungen von Film und Kino werden als ein Faktor eingebracht, der Praktiken und Diskurse der Rezeption mitbestimmt. Hinsichtlich des Schweizer Kontexts wird durch den Fokus auf die Teilöffentlichkeit des Kinos das sich verändernde Verständnis von Öffentlichkeit medienhistorisch neu bewertet. Die Ergebnisse dieser Studien sind jedoch auch über den nationalen Kontext und das filmwissenschaftliche Feld hinaus in Bezug auf die Entwicklung der audiovisuellen Kultur im 20. und 21. Jahrhundert relevant.